SSIP e.V.       Sozialwissenschaftlicher Studienkreis für interkulturelle Perspektiven
Der Weg zum Frieden führt über den kulturellen Austausch und die Kooperation friedlicher Staaten.

Lob der Unreinheit

Eng verbunden mit essentialistischem Denken ist die Vorstellung der  notwendigen Reinheit und Homogenität „einer Kultur“. Populismus, schrieb Dirk Pilz 2016 in einem Zeitungsartikel  über die modernen Trumps, beginne immer damit, „ein Volk“ zu konstruieren, eine homogene Masse zu erfinden, „der einheitliche Sehnsüchte und einheitliche politische Hoffnungen unterstellt werden“. Das Hybride, der Synkretismus — das muss pejorativ erscheinen aus dem Blickwinkel eines Denkens, das immer noch durch das Ideal des „völkisch” reinen Nationalstaats im neuzeitlichen Europa verdorben ist. [...] Zuletzt kulminierte das Homogenitätsdenken in der Chimäre von der Blutgleichheit aller „Volksgenossen“ und konnte im großen Stil dann die Reinigung des Volkskörpers von allem als „wesensfremd“ Festgestellten in Angriff nehmen. Wo immer die Reinheit der Lehre gepredigt wird, ist es Zeit, misstrauisch zu werden. Noch die unsägliche Rede von dem „Migrationshintergrund“ heutzutage verrät die jahrhundertelange Gewöhnung ans Reinheitsdenken. Diesem ist normal nur das Genuine, das Unvermischte, dem unverhüllt seine Herkunft anzusehen ist. Das Abweichende lauert im Hintergrund.  (Armin Triebel, Einleitung — Kultur nicht im Container, in: Armin Triebel (Hrsg.), Roswith Gerloff. Auf Grenzen. Ein Leben im Dazwischen von Kulturen. On the Border. An In-Between Existence, Berlin: Weißensee 2016, S.22)